Laufbericht London Marathon 2013

Verfasst von Dr. Gerrit Volk aus Köln, Deutschland



Es gibt nichts über London zu sagen, was nicht jeder schon wüsste. Trotzdem ist die Stadt auch bei wiederholten Besuchen (ohne Marathonlauf) immer ein großartiges Erlebnis! Bei der Anreise zum diesjährigen Marathon war die Stimmung am Freitag bei den Mitfliegenden der Lufthansa-Maschine aus Düsseldorf trotzdem anders, als bei sonstigen Flugreisen. Am Montag zuvor erfolgte der schreckliche Anschlag beim 117. Boston-Marathon. Noch war viel Unsicherheit bei den anreisenden Läufern und Läuferinnen in verschiedenen Diskussionen zu spüren. Wie ist die Atmosphäre beim Lauf in London zwei Tage später und wie würden die traditionell sehr zahlreichen und begeisterten Zuschauer diesen Anschlag in Boston quittieren? Nachdem im Laufe des Samstags vor dem Lauf auch der zweite Täter gestellt und erste Hintergründe der Tat bekannt wurden, entspannte sich die Atmosphäre und einem sportlichen und friedlichen Highlight des weltweiten Marathongeschehens stand somit nichts mehr im Wege. Aus Anlass des Anschlages in Boston wurde vor dem Start eine halbminütige Trauerzeit eingehalten und fast alle Läuferinnen und Läufer trugen ein Trauerflor am Shirt.

 

Ich nächtigte im Hotel „The Grosvenor“ direkt am Bahnhof Victoria. Dieses Hotel ist ideal in der Innenstadt gelegen und nur circa einen Kilometer vom Ziel entfernt. Vom Reiseveranstalter war am Morgen des Marathons um 06.15 Uhr vom Hotel aus ein Bustransfer zum Startbereich organisiert. Da ich den Wecker im Halbschlaf ausmachte, verschlief ich diesen Bustransfer. Nach einem kurzen Frühstück startete ich um 07.30 Uhr mittels der Londoner Untergrundbahn (The Tube) und einem Vorortzug (übrigens beides für Marathonläufer wie auch die Rückfahrt zum Hotel kostenlos) und erreichte das Startareal in Greenwich eine Stunde später. Die frühe Abfahrt des Busses begründet sich mit der Sperrung zahlreicher öffentlicher Straßen anlässlich des Marathons, weshalb eine Anreise mittels öffentlicher Verkehrsmittel nicht die schlechteste Alternative ist, da dadurch die Wartezeit in Greenwich bis zum Start deutlich verkürzt werden kann.

 

Der Start erfolgt seit der Gründung des Marathons in Greenwich. Gestartet wird in drei Gruppen, unterteilt in unterschiedliche Chorrals. Die Zugehörigkeit zu der roten, grünen und blauen Startgruppe ergibt sich aus der Farbe der Startnummer. Auf der Startnummer ist auch die Chorralzugehörigkeit vermerkt. Diese wird beim Einlass in den jeweiligen Chorral penibel kontrolliert. Der Startbereich ist weiträumig und sehr gut mit allen Notwendigkeiten (ausreichend Toiletten, Umkleidemöglichkeiten, Kaffee, Tee, Wasser und isotonische Getränke) ausgestattet. Außerdem informiert ein riesiger Bildschirm life über das Geschehen im Startbereich, z. B. den Start der Elite-Frauen um 09.00 Uhr. Nach deren Start und dem anschließenden Start der Rollstuhlfahrer starteten die Elite-Männer um 10.00 Uhr. Als bestenfalls mittelmäßiger Läufer (die Einordnung erfolgt entsprechend der von den Läufer/-innen bisher gelaufenen Marathonzeiten) durchquerte ich schon sieben Minuten nach der Spitze das Starttor. Das spricht für die Organisation! Dann ging es durch Greenwich, eine fast dörflich geprägte Gegend von London. Aber wer gedacht hätte, es gäbe hier keine Zuschauer, der hatte sich getäuscht! Von Anfang an bis zum Schluss war das Zuschauerinteresse durchgängig ohne zuschauerfreie Passagen und überwältigend!

 

Auf den ersten sechs Kilometern erfordern zahlreiche Mittelinsel mit entsprechenden Bordsteinen auf der ansonsten ausreichend breiten Laufstrecke erhöhte Aufmerksamkeit von den Läuferinnen und Läufern. Der erste Höhepunkt der Strecke ist die Umrundung der mittlerweile als Museumsschiff genutzten „Cutty Sark“ bei Kilometer 10. Es zeigte sich zum ersten Mal in aller „melodischer“ Gewalt, dass London im Vergleich zu New York, Chicago oder Berlin deutlich weniger Musikgruppen hat. Hier wir die Musik durch die begeisterten Zuschauer mehr als kompensiert – und was motiviert die Läufer mehr?

 

Bei Kilometer 20 wird die Themse auf der Tower Bridge überquert. Dies war für mich atmosphärisch, stimmungsmäßig und vom tollen Ausblick auf London der Höhepunkt der Strecke! Nach einem Schwenk nach der Brückenquerung ist die Halbmarathon-Distanz geschafft. Von nun an wird auf circa zwei Kilometern auf der Straße „The Highway“ – ein seltsamer Name für eine normale, innerstädtische Straße – die Chance geboten, die Läufer mit einer Zielzeit von unter 02:45 zu betrachten (dies war circa 2 h 35 min nach dem Start). Die laufen schon ein ganz anderes Tempo als ich!

 

Jetzt geht es Richtung Docklands, dem modernen Bankenviertel von London. Diese Gegend von London kannte ich bislang nur von Photos und von der Ferne aus von der Fahrt zur Marathon-Messe im ExCeL Exhibition Centre, wo sich die Startnummernausgabe befindet. Letztere erfolgt bestens organisiert, schnell und unbürokratisch. Nach der Startnummernausgabe mit äußerst freundlichen und hilfreichen Hinweisen wird vor Eintritt in die Messe der Chip ausgehändigt und individuell überprüft. Dieser Chip (IPICO Sports Tag) war eine mir bislang unbekannte Version (in Form einer länglichen Kunststoffscheibe), die mittels Drähten auf dem Schuh an den Schnürsenkeln befestigt wird. Nach dem Zieleinlauf wird der Chip auf Rampen – die fleißigen Helfer können somit auf Augenhöhe arbeiten – mit Zangen entfernt. Also nicht den Chip mittels der Schuhsenkel befestigen, diese könnten sonst abgeschnitten werden! Erst anschließend gibt es die Medaille. Dann folgt die Aushändigung eines Verpflegungsbeutels mit einem schönen Finisher-T-Shirts aus Baumwolle, Energieriegel, Warmhaltefolie, Getränken und einem Apfel: Alles, was man braucht!

 

Zurück zum Lauf! Ich hatte erwartet, dass die Docklands zuschauerarm bis verwaist sind, wo doch hier überwiegend riesige Bankgebäude stehen und diese – sonntags bedingt – kein Publikum bieten. Weit gefehlt! Hier standen die Zuschauer mindestens in Fünferreihen und schrien wie verrückt! Vom Geräuschpegel her war diese Gegend mindestens mit Cutty Sark und Tower Bridge vergleichbar. Zu diesen Eindrücken menschlicher Stimulanz kam die beeindruckende Hochhausarchitektur, welche gekonnt in die ehemalige Hafenstruktur mittels kleinen Wasserwegen und Schiffsanlagestellen integriert ist. Die Docklands sind ein sehr langgestrecktes Gebiet an der Themse. Die Marathonstrecke berührt hiervon nur die „Isle of dogs“ – im Gegensatz zum Namen nur eine Halbinsel – und die West India Docks. Das postkartenbekannte Gebäude Canary Wharf liegt übrigens kurz hinter der Meilenmarkierung 19. Nach dem Abzweig in die Docklands – mit einigen Schleifen – ging es zurück in Richtung City of London. Übrigens durchquert die Laufstrecke sechs Stadtteile von London, wovon die City of London der bekannteste sein dürfte und Westminster den anschließenden Zielpunkt bietet.

 

Auf dem Highway (zwischen Meile 21 und 22) bot sich nun die Gelegenheit, Läufer im hinteren Starterfeld auf der Gegenspur zu beobachten. Die in Berichten über den London-Marathon oftmals beschriebenen stark kostümierten Läufer befinden sich eher in diesem langsameren Teil der Läuferschar. Aufgrund der teilweise abenteuerlichen Kostümierungen mit entsprechender Beeinträchtigung beim Laufen ist dies auch nicht weiter verwunderlich. So sah ich z. B. Obelix, ein Gürteltier (Drachen?), zwei Löwen in einem einzelnen (sic!) Kostüm und einen Apfel! An der Laufstrecke wird im Abstand von einer Meile Wasser in handlichen Flaschen und alle zwei Meilen ein isotonisches Getränk geboten. Bei den Meilenmarken 15 und 21 wurden zusätzlich Powergels zur Stärkung gereicht. Besonders gerührt haben mich die zahlreichen Angebote von Süßigkeiten und Obst (Bananen und Orangen) von Zuschauern.

 

Jede Meilenmarke ist von weitem sichtbar, gekennzeichnet durch zwei hohe Säulen, überbrückt mittels einer rot-weißen Luftballonschlange. Alle fünf Kilometer, auch durch Säulen von weitem angezeigt, werden mittels Fußmatten Zwischenzeiten genommen und digital die bisher gelaufene Zeit seit Start der Elite-Männer, also 10.00 Uhr, angezeigt. Das Laufen mittels Meilenangaben hat was für sich: Es suggeriert eine kürzere Strecke als 42 Kilometer und aktiviert das Kopfrechnen, wenn man keine GPS-gestützte Uhr hat: Wie viele Kilometer sind bei der 17 Meilen-Anzeige (eine Meile sind etwa 1,6 Kilometer) erreicht?

 

Auf der Höhe von Meilentor 24 erreichen die Läufer/-innen die Straße an der Themse. Links von der Themse sieht man das Riesenrad von London (London Eye), ursprünglich nur für die Milleniumsfeier 2000 errichtet und mittlerweile aufgrund des hohen Besucherzuspruchs eine feste Institution in London. Noch vermeintlich weit entfernt ist der Big Ben zu sehen. Der Big Ben dürfte neben der Tower Bridge das dominierende Wahrzeichen von London sein. Erbaut in den Jahren 1858/59, ist er 97,5 Meter hoch und insbesondere für seine Glockenschläge bekannt. Big Ben verspricht ein nahes Ende des Laufes, denn gleich dahinter beginnt der St. James Park. Der Leser merkt: Ab hier ging es mir wirklich schlecht! Oder, besser ausgedrückt, nach einem für mich ungewöhnlich erkältungsintensiven Winter und dadurch bedingt auch eingeschränkten Training hatte ich eine akzeptable Halbmarathonzeit hingelegt. Doch hier an der Themse mit dem beeindruckenden Sightseeing und den weiterhin begeisternd anfeuernden Zuschauern musste ich große Teile gehen. Ich tröstete mich mit den Ratschlägen von Thomas Wessinghage vom Vortag, der allen Läuferinnen und Läufern empfohlen hatte, den Laufgenuss neben der Erhaltung der Gesundheit in den Vordergrund zu stellen und dem Ehrgeiz einen Verweis zu erteilen. Im Februar diesen Jahres hatte ich noch ernsthafte Zweifel, diesen von mir lang ersehnten und allgemein sehr begehrten Marathon-Lauf überhaupt in Angriff, geschweige denn beenden zu können. Und nun ging es „nur noch“ um 2,2 Meilen!

 

Am Big Ben biegt die Laufstrecke im rechten Winkel zum Birdcage Walk ab. Dieser ist in Richtung Buckingham Palace in 200Meter-Schritten ausgezeichnet und führt vorbei am Queen Viktoria Memorial zum Ziel auf „The Mall“: Welch eine Adresse! Die vielen, großen britischen Flaggen rechts und links der Prachtstraße schmücken diesen sonnigen Tag mit dem größten Sportereignis Londons des Jahres anlassgerecht. Es wird die unaufdringliche Möglichkeit eines individuellen Finisherphotos vor eigens dafür eingerichteten Wänden geboten. Das Erlebnis eines herrlichen internationalen Laufes mit weltweiter Beachtung nach den bedrückenden Ereignissen sechs Tage zuvor in Boston findet einen friedlichen, begeisternden und in schöner Erinnerung bleibenden Abschluss. Eine schönere Demonstration des friedlichen Feierns einer sportlichen, weltweiten Gemeinschaft kann es nicht geben!

 

Möglicherweise, oder sicherlich, bin ich etwas sprunghaft in meiner Berichterstattung. Ich schreibe diese Erlebnisse in den Tagen nach dem Lauf, der mich in vielfältigster Weise beeindruckt hat. Natürlich habe ich verschiedene Berichte des London-Marathons in vorigen Jahren u. a. im Internet gelesen. Auch diese haben mich vor, während und nach dem Lauf bei meinen Erwartungen, Gedanken und Empfindungen beeinflusst. Trotzdem will ich nicht der Versuchung erliegen, meine handschriftlichen Aufzeichnungen chronologisch und sachlich zu ordnen. Eindrücke und Gedanken sind nun mal so, wie sie sind. Nur durch eine unverfälschte Wiedergabe sind sie  authentisch.

 

Ich bin sehr dankbar, diesen Lauf in London mitgelaufen haben zu dürfen (und können)!

 

 

Offizielle Ergebnisse:



 

 

Männer

  1. Tsegaye Kebede ETH 2:06:04
  2. Emmanuel Mutai KEN 2:06:34
  3. Ayele Absehero ETH 2:06:57

 

 

Frauen

  1. Priscah Jeptoo KEN 2:20:15
  2. Edna Kiplagat KEN 2:21:32
  3. Yukiko Akaba JPN 2:24:43

 

34.189 Finisher (?)       



Stand: 11.07.2017


Fotos zum Laufbericht

Marathon Marathon


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